Osterwasser aus dem Glasbrunne

Quelle: Hausbuch der Schweizer Sagen von Sergius Golowin
Als besonders heilkräftig und segenbringend gelten die Wasser der Quell- und Bergbäche, wenn das Eis der Alpen zu schmelzen beginnt und die ganze Umwelt der Menschen sich verjüngt und erneuert. Gerade auf dem berühmten, heutzutage leider stark überbauten Bödeli zwischen Thuner- und Brienzersee, war einstmals das Holen des Frühlingswassers gang und gäbe.
Aber nicht bloss dort pflog man den schönen Brauch. So kannten ihn auch Kinder aus alten Berner Geschlechtern, die bei ihrer Suche nach dem Osterwasser vor allem zum Glasbrunnen im Bremgartenwald gegangen sein sollen.
Man musste, so heisst es, am Ostertage vor Sonnenaufgang losziehen, ja, noch vor diesem wieder daheim sein. Beim Gang zu Brunnen oder Quellen durfte man nie zurückblicken und mit keinem Menschen ein Sterbenswort sprechen. Ruhig musste man das Wasser in sein Gefäss schöpfen und dann sogleich, wiederum ohne auf Mensch und Tier zu achten, heimzu streben. Die Leute, so wird erzählt, glaubten früher, dass boshafte Mächte in vielerlei Gestalten auf die Wassersucher lauern und auf sie auf alle Arten abzulenken und zu erschrecken suchen. Geht der Mensch auf deren höllisches Treiben auch nur im geringsten ein, so kann er gleich umkehren, sein Wasser wird auf alle Fälle wertlos sein.
Das richtig gewonnene Osterwasser sollte, wenn man es sorgfältig trank, Gesundheit bringen. Früher sollen es die Bauern sogar unter den österlichen Frass ihres Viehs gemischt oder tropfenweise in den Ställen verspritzt haben. Nach der Sage hat das Osterwasser besondere Kraft. Wer sich am Ostersonntag im fliessenden Bache wäscht, bleibt immer jung und schön. Das Osterwasser heilt Wunden, Augenkrankheiten, Kopfschmerzen, Flechten, Krätze, Sommersprossen und alle Hautübel.