Wandern im Tessin und in Italien
Das ist der neue Fernwanderweg rund um den Lago Maggiore
Die neue Grand Tour Lago Maggiore gibts als sportliche und als Genussvariante. Unterwegs mit einem, der den ersten Reiseführer über die Runde geschrieben hat.
Florian Sanktjohanser Publiziert am 04.10.2025
Auf der Grand Tour Lago Maggiore warten immer wieder fantastische Ausblicke. Hier auf die Brissago-lnseln. Foto: Mats Silvan (Imago, Imagebroker)
In Kürze:
- Ein neuer Fernwanderweg führt rund um den Lago Maggiore.
- Tim Shaw hat den ersten Wanderführer über die 230 Kilometer lange Grand Tour Lago Maggiore geschrieben und den Weg in 16 bekömmliche Etappen aufgeteilt.
- Vor Ort zeigt er alte Säumerpfade, Höhenwege mit beeindruckender Aussicht – und auch ein paar Geheimtipps.
Es dauert nur ein paar Minuten, bis man in Ascona das erste Mal genauer hinschauen muss. In der Fussgängerzone weist noch ein kleines Schild den Weg rauf zum Monte Verità. Den erreicht man über eine steile Steintreppe, neben der wilder Wein, Efeu und duftende Jasminbüsche wachsen. Nun aber gabelt sich die Treppe vor einer Kapelle. Rechts oder links? Die Auflösung klebt auf einem gusseisernen Laternenmast: ein Kleber mit gelbgrüner Raute, dem Logo der Grand Tour Lago Maggiore.
Rautenförmige Schilder weisen den Weg auf dem Fernwanderweg rund um den Lago Maggiore.
Foto: Tim Shaw
«Man muss auf der Tour immer die Augen offen halten und ein bisschen mitdenken», sagt Tim Shaw schmunzelnd. Der 47-Jährige hat den ersten Wanderführer über den neuen, 230 Kilometer langen Fernwanderweg geschrieben. Schon als Kind kam er oft vom Bodensee in die wilden Berge rund um den Lago Maggiore. Als Teenager spürte er zusammen mit seinem Vater mithilfe alter Militärkarten vergessene Pfade auf, mit Zelt und Machete. 2005 lief Shaw drei Monate von Monaco nach München, drei Jahre später kündigte er seinen Bürojob und wurde Wanderführer im Nationalpark Val Grande in den norditalienischen Alpen, nahe der Schweizer Grenze. «Ich bin eher Waldläufer als Bergsteiger», sagt er.
Anfang 2024 las Shaw in der Zeitung, dass der Club Alpino Italiano (CAI) einen Wanderweg um den See ausschildern werde – ein Projekt, um den 150. Geburtstag der Sektion Verbano Intra des Clubs zu feiern. Die Idee stammte ursprünglich von ein paar jungen Leuten aus dem Dorf Ispra am südlichen Ostufer, die in der Coronazeit mit Rucksäcken und Zelten loszogen und um den ganzen See wanderten. Mit ihrem Verein Tracciaminima hatten sie eine eigene, teils deckungsgleiche Rundtour markiert: den Cammino del Lago Maggiore. Man kann sich, wenn man um den See wandern will, also aussuchen, welchen Stickern man folgt. Und welcher Einteilung.
Tee schlürfen auf dem Monte Verità
Der CAI schlägt auf seiner Website elf Tage vor. Shaw zerlegt die 230 Kilometer in 16 Etappen: So bleibt Musse für all das Sehenswerte am Wegesrand. Zum Beispiel für die kleine Teeplantage mit japanischen Schreinen auf dem Monte Verità, wo man auf Trittsteinen durch einen Kiesgarten balanciert und im Teehaus aus hundert Sorten wählen darf. Oder für die Wallfahrtskirche Santa Maria Addolorata auf dem Sacro Monte, die auf ihrem Steinbogen-Podest in einer Schlucht auch eine Missionsstation im Amazonas sein könnte. Und natürlich für die Aussicht!
Im Dörfchen Gruppaldo, dessen Villen und terrassierte Gärten in einen Steilhang gebaut sind, blickt man über Tessiner Palmen weit hinaus auf den See, wo die Brissago-Inselchen wie überwucherte Wracks im schimmernden Wasser liegen. Die üppig bewaldeten Berge ringsum, in denen tief die Wolken hängen, erinnern an den Nebelwald der Anden.
Der Fernblick über den Langensee, wie er auf Deutsch treffend heisst, versöhnt sogar mit dem schmalen Randstreifen neben der Teerstrasse, wo einen die Fahrer entgegenkommender Autos entgeistert anschauen. Zum Glück lassen sich die Abschnitte auf Teerstrassen per Bus überspringen, zum Beispiel von Brissago über die Grenze nach San Bartolomeo. «Eines der attraktivsten Stücke», sagt Shaw – unmittelbar gefolgt von einem der schönsten.
Der Fernblick über den Lago Maggiore belohnt für manche Mühen.
Foto: Tim Shaw
In San Bartolomeo beginnt die Via delle Genti, ein jahrhundertealter Pfad oberhalb des Westufers, auf dem die Maultiere der Säumer früher Salz in die Schweiz und Textilien nach Italien trugen. Auf geborstenen Pflastersteinen wandert man im Schatten der Kastanien dahin, so wie auf mehr als drei Viertel des Rundwegs. Am Wegesrand stehen Schreine mit Marienbildern, die im lombardischen Dialekt Poussa heissen, Rastplatz. Denn nur fürs Gebet durften sich die Säumer eine Pause erlauben, erzählt Shaw.
Die Natur eroberte die Hänge über dem Lago Maggiore zurück
Die Kastanien waren hier lang das Brot der Armen, besonders im Winter. Sie wuchsen in Hainen auf terrassierten Hängen, zusammen mit Roggen, Buchweizen und Weinreben. Bis in die Nachkriegszeit waren viele Menschen Selbstversorger, im Sommer trieben sie Vieh auf die höher gelegenen Almen. Ein karges Leben fernab jedes Lago-Glamours.
Als es Jobs in den Städten gab, verliessen viele ihre Bergdörfer. Und die Natur eroberte die Hänge zurück. Im feuchtwarmen Klima hat längst dichter Wald die Trockenmauern überwuchert. Und mit dem Wald kamen die Tiere zurück. Oberhalb des Monte Verità lief Shaw eine Rotte Wildschweine über den Weg, Hirsche haben sich stark vermehrt. Sogar der Wolf ist wieder da.
Wie viele Pfade, welche die Grand Tour verknüpft, ist die Via delle Genti bereits rot-weiss markiert. Sie werden gern gewandert, denn auf der Route liegen beliebte Ferienorte. In den Sommerferien sind die Ufer und Strände voll, allein der piemontesische Teil des Sees zählt drei Millionen Übernachtungen pro Jahr.
Auf der lombardischen Seite wird die Grand Tour sportlicher
Auf der lombardischen Seite dagegen wandere man meist allein, sagt Shaw. Sponda magra wird sie genannt, das magere Ufer. Die Belle Époque ist dort ausgefallen, die Hotels sind bescheiden geblieben. Und die Etappen sind sportlicher. Von Laveno steigt man gut 900 Höhenmeter zu den Pizzoni auf, Gipfelchen mit einem fantastischen Blick über den See. Und von Maccagno läuft man stundenlang durch die Wildnis hinüber nach Gerra in der Schweiz.
Zwischenhalt in Gerra mit seinen hübschen Häusern.
Foto: Imago
Ein Vorgeschmack jener Bergrunde, die Shaw zusätzlich für sein Buch entwarf. Auf 19 Etappen erklimmt man dabei über teils mit Ketten gesicherte Steige die höchsten Kämme und Gipfel um den Lago wie den 2442 Meter hohen Pizzo di Vogorno. Übernachtet wird in Bergdörfern und Hütten. Dem CAI gefiel die Idee, im Lauf der nächsten Jahre will er die Route als Grandissimo Tour markieren. «Das ist allerdings nur etwas für Wanderer», sagt Shaw, «denen 2000 Höhenmeter Aufstieg am Tag nichts ausmachen.»
Die Grand Tour ist dagegen reines Genusswandern. Auf- und Abstiege sind überschaubar, und wenn die Kraft ausgeht oder der Regen prasselt, ist die nächste Bushaltestelle nie weit. In den vielen Dörfern gibt es immer eine Bar, wo man für 1,50 Euro einen ausgezeichneten Espresso macchiato bekommt. Und abends isst man Fisch oder Pizza auf einer der hübschen Uferpromenaden.
Die grösste Herausforderung ist die noch lückenhafte Markierung. Gelegentlich sind zwei Dreiecke in Neon- und Dunkelgrün, die zusammen eine Raute formen, aufs Pflaster oder eine Mauer gesprüht. Richtungspfeile aber fehlen an den meisten Kreuzungen und Gabelungen. Bis der ganze Rundweg beschildert ist, dürften noch ein paar Jahre vergehen.
Die neue Grand Tour soll Touristen auch ins Hinterland bringen
«Wandertourismus ist am Lago Maggiore noch eine Nische», sagt Shaw. Die meisten Gäste kommen fürs Dolce Vita: um in den vielen botanischen Gärten zu spazieren, die Borromäischen Inseln zu besuchen. Der neue Rundweg soll Touristen auch in Dörfer im Hinterland bringen. Die Besitzer kleiner Pensionen und Restaurants seien begeistert vom Projekt, erzählt Shaw. Manche haben versprochen, auch in der Nebensaison zu öffnen – falls Gäste kommen.
Bei Touristen beliebt: Die Borromäische Insel Isola Bella im Lago Maggiore.
Foto: Jürgen Wiesler (Imago, Zoonar)
Im feinen Stresa mit seinen Grand Hotels dagegen interessiert man sich kaum für ein paar Wanderer, die nur eine Nacht bleiben. Dabei liegt der Ort auf einer der schönsten Etappen, von Baveno nach Lesa. Von der romanischen Kirche der heiligen Gervaso und Protasio mit ihrem Glockenturm aus dem 11. Jahrhundert wandert man durch ein Wohnviertel mit hübschen Gärten, das kaum ein Tourist je sehen wird. Auf dem Höhenweg von Roncaro nach Stresa öffnen sich immer wieder herrliche Blicke auf die Borromäischen Inseln mit ihren Palästen und gestuften Gärten, dazu duftet es nach Jasmin und blühenden Kastanien. Bei so viel Idylle unterschätzt man leicht, wie wild die Berge hier sind. Jedes Jahr verlaufen sich Touristen, erzählt Shaw, 2024 wurde ein deutscher Professor nach wochenlanger Suche tot in einer Schlucht gefunden.
Selbst auf der beliebten Via delle Genti musste man am Vortag über mehrere Bäume kraxeln, die im nächtlichen Starkregen auf den Weg gestürzt waren. Das passiere regelmässig, sagt Shaw. Die Kastanie wurzelt flach, alte Bäume können sich auf den steilen Hängen kaum halten. Auf Lichtungen fassen wieder Eichen Fuss, die hier eigentlich heimisch sind – und die Tessiner Palme, eine invasive Art aus Ostasien.
Die schweizerischen Wege seien in einem guten Zustand, sagt Shaw, «aber an der Grenze beginnt die Wildnis». Ob die Grand Tour Lago Maggiore ein Erfolg wird, hängt deshalb vor allem an einer Frage: ob die Sektionen des CAI die Wege dauerhaft instand halten. «In der Schweiz gibts dafür öffentliche Gelder», sagt Shaw, «die Schweizer sind einfach eine Wandernation. In Italien wandern nur die Touristen.»





